29 | 05 | 2017

Klassenmusizieren - "Ravensburger Modell"

Klassenmusizieren auf Blasinstrumenten (sogenanntes "Ravensburger Modell")

Was versteht man darunter? Ravensburger Modell

Seit Jahren ist das Klassenmusizieren fester Bestandteil in den Musiklehrplänen in Baden-Württemberg. Die Erfahrung zeigt, dass der Unterrichtserfolg größer und nachhaltiger ist , wenn Musik handlungsbetont unterrichtet wird. Neben der Freude, die gemeinsames Musizieren mit den Mitschülern macht, verstehen Schüler viele Dinge aus der musikalischen Elementarlehre oder aus der Formenlehre besser, wenn sie -gewissermaßen mit dem Instrument in der Hand- eigene Erfahrungen machen und Theorie auf diese Weise mit der klingenden Musik in Zusammenhang bringen.
Erfahrungen vor allem aus den USA und Kanada belegen, dass grundlegende Elemente der Musiklehre, zum Beispiel in den Bereichen Intervalle, Metrum, Takt, Rhythmus, Spielanweisungen, Formgestaltung, Instrumentenkunde viel besser vom Schüler verinnerlicht werden können, wenn er sie im handelnden Umgang mit Musik selber begreift.
Das Ravensburger Modell ist eine Sonderform des Klassenmusizierens. Der Name dieses Modells geht auf den Sachverhalt zurück, dass es zuerst einige Schulen im Raum Ravensburg waren, die diese Modellkonstruktion erprobt haben und bis heute praktizieren.

Was heißt das konkret?

An einer Schule, die das Klassenmusizieren auf Blasinstrumenten in ihrem Schulprofil hat, musiziert eine ganze Klasse während zweier Schuljahre auf Blasinstrumenten von Querflöte bis Basstuba und Posaune. Alle Instrumente beginnen mit den gleich klingenden Tönen. Dazu gibt es progressiv aufgebaute Bläserschulen mit leichten Stücken für alle Instrumente. Die Anfangsliteratur beginnt einstimmig. Bald wird aber mehrstimmig musiziert.
Der Lehrplan mit seinen Inhalten bleibt erhalten. Der Unterricht ist aber in seiner Methodik mehr praxis-orientiert.
Folgendes Verfahren hat sich bewährt: Vom 2-stündigen Musikunterricht in Klasse 5 und 6 wird eine Musikstunde im Klassenverband nach dem ausgewiesenen Lehrplan gegeben. Die andere Stunde ist dem gemeinsamen Musizieren auf Blasinstrumenten gewidmet, wobei gleichfalls wesentliche Teile des Musiklehrplans erfüllt werden.
Bei der zweiten Stunde (Bläser-Stunde) werden die Schülerinnen und Schüler immer wieder in Teilgruppen aufgeteilt. Dabei ergänzen sich wechselseitig Lehrkräfte aus der Vereins-Jugendmusik bzw. der Musikschule und die Musiklehrkräfte der Heimatschule.

Kooperation verschiedener Partner

Beim Ravensburger Modell kooperiert der Schulbereich mit außerschulischen musikalischen Partnern. Die für die musikalische Ausbildung Jugendlicher Verantwortlichen schließen sich vor Ort zusammen und kooperieren miteinander.
Kooperationspartner der Schule können sein:

  • Die örtliche Musikschule
  • Die Blasmusikvereinigung im Nahbereich
  • Örtliche Musikfachgeschäfte
  • Freie Instrumentallehrer am Ort
  • Der Schulträger

Beispiele

  • Eine allgemein bildende Schule kooperiert mit der örtlichen Musikschule, zum Beispiel durch den Einsatz von Instrumentallehrern der Musikschule an der allgemein bildenden Schule (Team Teaching).
    Die allgemein bildende Schule kooperiert mit dem örtlichen Blasmusikverein. Der dortige Leiter der Nachwuchskapelle kommt mittwochs in der 6. Stunde in die Schule und macht Stimm- und Ansatzproben mit den Blechbläsern.
  • Alle drei kooperieren miteinander.
  • Der für die sächliche Musikausstattung der Schule zuständige Schulträger ist von der besonders praxisorientierten Unterrichtsmethodik begeistert und greift bei der Instrumentenbeschaffung der Schule tatkräftig unter die Arme.
  • Der Deutsche Instrumentenherstellerverband unterstützt das Projekt der Ausstattung einer ganzen Klasse mit hochwertigen Blasinstrumenten durch Gewährung von ansehnlichen Rabatten auf den Neukauf.
  • Der örtliche Musikalienhandel unterstützt das Projekt und stellt sich in seinem Service entsprechend darauf ein.
  • Die Eltern zahlen einen moderaten monatlichen Betrag (z. B. für Instrumentenversicherung, Reparaturen, Instrumentalgruppenunterricht durch außerschulische Personen).
  • Die Schule schließt Lehrbeauftragtenverträge ab und vermittelt Dauerkooperationen mit Vereinen, die vom Staat auf Antrag finanziell bezuschusst werden können.
  • Ehrenamtliches Engagement verschiedener Personen ist möglich.
    Gründung eines Fördervereins usw.
    Fortbildungen durch die Akademie für Musikpädagogik in Mainz

Fazit: Es gibt viele Möglichkeiten, die je nach Ort flexibel ausgelotet werden müssen.

Für welche Klassenstufen eignet sich das Ravensburger Modell?

In der Mehrzahl der Fälle wird das Ravensburger Modell in den Klassen 5 und 6 der weiterführenden Schulen praktiziert. Es ist möglich in Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien. Die Erfahrung zeigt, dass viele Schülerinnen und Schüler dann ab Klasse 7 entweder Instrumental-Einzelunterricht oder - gruppenunterricht bei einer Musikschule aufnehmen, oder Unterricht haben bei einem freien Musiklehrer oder im Rahmen eines Gruppenunterrichts in einem Musikverein.

Was ist bei der Einführung zu beachten?

Bevor eine Schule dieses Modell verwirklicht, muss die Kooperationswilligkeit möglichst vieler Partner am Ort geklärt sein. Die Partner beraten und lösen gemeinsam die Fragen der sächlichen und personellen Ausstattung zur Durchführung des Klassenmusizierens auf Blasinstrumenten. Die Klärung solcher Fragen kostet Zeit und erfordert Phantasie.
Es ist notwendig, dass vor allem in der Anfangsphase die personelle Betreuung der Schüler auf verschiedene Personen verteilt wird. Erforderlich ist, dass die Musiklehrkraft der Klasse bzw. die Musiklehrkräfte der Schule sich beim geteilten Instrumentalunterricht (Gruppenunterricht) einbringen und selbst ein Blasinstrument spielen können. Für die Ausbildung im speziellen Bereich des Klassenmusizierens mit Blasinstrumenten bietet die Akademie für Musikpädagogik, Klarastr. 4, 55116 Mainz, Internet:  www.musikpaedagogik.de, an verschiedenen Orten Baden-Württembergs Fortbildungskurse für Musiklehrkräfte an. In diesen Kursen geht es um die Vermittlung breiter Kenntnisse über alle Blasinstrumente sowie um methodische Fragen.

Was kostet das?

Das Klassenmusizieren auf Blasinstrumenten ist sicher mit Kosten verbunden. Zu der einmaligen Investition der Instrumental-Ausstattung einer Klasse kommt eine Rücklage für anfallende Reparaturen. Hinzu kommen gewisse Kosten für die Instrumentenversicherung und unter Umständen für den Instrumentalunterricht durch externe Lehrkräfte. Dabei ist zu berücksichtigen, dass ein Großteil der Schüler, nachdem die 2 Jahre vorbei sind, erfahrungsgemäß außerhalb der Schule weiterhin Instrumentalunterricht nehmen wird. Sie bleiben somit den kooperierenden Partnern auf lange Zeit verbunden.
Ganz ohne eine monatliche Elternbeteiligung wird es nicht gehen.
Ziel des Klassenmusizierens nach dem Ravensburger Modell ist die Zusammenstellung verschiedenartiger Instrumente zu einem voll besetzten Blasmusik-Ensemble.
Am Anfang steht ein gründliches Kennenlernen aller Instrumente, die, außer durch die Musiklehrkraft, durch weitere Fachleute vorgestellt werden und von den Schülern in elementarer Weise erprobt werden.

Wer spielt welches Instrument?

Aufgrund dieser Erfahrungen und aufgrund von Beobachtungen und Beratungen wählen die Schüler nach einigen Wochen "ihr" Instrument.
Bei Bewährung des Modells profitieren alle Partner:

  • Das praktische Musikzieren an der Schule nimmt zu
  • Die Musikschulen gewinnen interessante Nachwuchs-Schüler aus Elternhäusern, die ohne das schulische Klassen-Angebot ihren Kindern möglicherweise keinen Instrumentalunterricht angeboten hätten
  • Die Blasmusikvereine verbessern ihre Nachwuchssituation
  • Die Musikfachgeschäfte verbessern ihre Instrumental- und Materialienverkäufe
  • Beim Klassenmusizieren nach dem Ravensburger Modell lernen die Schülerinnen und Schüler nicht nur ein Instrument spielen. Sie üben sich außerdem im sozialen Verhalten und in gegenseitiger Rücksichtnahme. Sie übernehmen Verantwortung, werden zu Sorgfalt und Disziplin angehalten und vertiefen ihre musikalischen Fähigkeiten durch gemeinsames und immer anspruchsvolleres Spiel im Klassenverband.

Das Projekt ist auf 2 Jahre angelegt. Anschließend können die Schülerinnen und Schüler in einer Band oder in Blasmusikensembles mitspielen.
Auskünfte, auch über Schulen, die dieses Modell praktizieren, erteilen die Musikabteilungen in der Schuladministration (Kultusministerium, Oberschulämter), sowie die Fachberater Musik.

 
siehe auch ...
Musik-BW

logo musik bw2

Dieser Landesbildungsserver ist die Standard-Plattform Baden-Württembergs im Umfeld Schule. Seine Zielgruppen sind die Lehrerinnen und Lehrer aller Fächer und aller Schularten Baden-Württembergs, aber auch alle anderen am schulischen Leben Beteiligte und Interessierte.

Er präsentiert pädagogische, didaktische und fachinhaltliche Materialien.